Der Mensch als Ganzes: Warum der Kopf nicht ohne den Rest kann.

Körper und Psyche Augsburg

»The body keeps the score«

Bessel van der Kolk

Foto: Katinka Molde

Schlag zwei, die Kirchenglocken verkünden, was du ahnst. Es ist zu spät um morgen früh fit zu sein. Die Gedanken im Kopf fahren trotzdem wie ein Karussell im Kreis, du findest den Ausstieg einfach nicht. Kennst du schon. Irgendwann schläfst du dann doch ein. Und bist wie gerädert am nächsten Morgen. Das muss anders werden, denkst du dir. Dabei weißt du schon so viel. Du hast Bücher gelesen, einen Vortrag gehört, vielleicht schon einmal eine Therapie gemacht. Du könntest deinen Zustand fast klinisch erklären. Wieso es dir gerade so geht und trotzdem. Das nervt.

Mittags dann rufst du deine Mutter an, und nach drei Sätzen sitzt dir derselbe Kloß im Hals wie vor drei Tagen und wie vor zwanzig Jahren.

Kommt dir irgendwie bekannt vor? Dieses Gefühl, alles begriffen zu haben – und trotzdem verhedderst du dich in Gedanken und Gefühlen. Und gleichzeitig bist du die, die liefert, für andere mitdenkt, auffängt, sich auskennt. Und ausgerechnet bei dir selbst läuft das Wissen ins Leere.

Der Körper gibt den Ton an

Die naheliegende Erklärung wäre: Du hast es doch noch nicht ganz verstanden. Noch ein Buch, noch eine Einsicht, bis es Klick macht?

Verstehen ist Kopfsache. Der Körper meldet: Nacken dauerverspannt. Herzschlag auf Hochtouren, bevor du überhaupt weißt, dass dir gleich mulmig wird. Das sind Körperzustände. Und die folgen ja keiner bewussten Entscheidung.

Stephen Porges hat das in der Polyvagal-Theorie beschrieben. Dein autonomes Nervensystem scannt ununterbrochen und unbewusst, ob du sicher bist oder in Gefahr – Porges nennt das Neurozeption. Es schaltet zwischen Zuständen um: Ruhe und Verbindung, Kampf oder Flucht, Erstarren, wenn alles zu viel wird. Und es schaltet, bevor dein Bewusstsein überhaupt mitbekommt, dass etwas los ist. Du wählst nicht, ob dir mulmig wird. Dein Körper hat schon gewählt, da formulierst du noch den ersten Gedanken.

Der Traumaforscher Bessel van der Kolk hat in Bildgebungsstudien gezeigt, was dann passiert: Kommt belastendes Material hoch, wird das Sprachzentrum im Gehirn leiser, während die emotionalen und körperlichen Areale anspringen. »The body keeps the score« – der Körper merkt sich alles. Was dort abgelegt ist, lag oft jenseits der Worte. Mit Reden allein kommt man da schwer heran. Schon Wilhelm Reich beobachtete das in den 1930er-Jahren an der Muskulatur seiner Patienten und nannte es »Charakterpanzer«: Die Haltung, mit der jemand durchs Leben geht, ist auch eine wörtliche – Schultern, Kiefer, Zwerchfell.

Ein ehrliches Wort dazu: Manches davon ist gut belegt, anderes – etwa Teile der Polyvagal-Theorie – wird in der Forschung diskutiert. Aber die Richtung ist eindeutig, und sie deckt sich mit dem, was ich in der Praxis sehe: Erst kommt der Körper, dann das Wort.

Bei Erschöpfung, bei Angst, bei Schlafstörungen, bei wiederkehrenden Konflikten: Durchdenken ist wichtig, aber es sitzt eben auch im Körper.

Ein Muster, einige Varianten

Eine Depression versteht man nicht weg; sie zeigt sich im Körper, in Schwere, in Antriebslosigkeit, die kein Vorsatz vertreibt. Gegen eine Panikattacke hilft kein Argument – sie sitzt im Herzschlag, im Atem, im Alarm, der zu früh losgeht. Schlaf lässt sich nicht erzwingen; er kommt, wenn das Nervensystem abends Sicherheit meldet, und bleibt aus, wenn es das nicht tut. Traumatisches löst sich nicht durch Einsicht – es sitzt in einem Nervensystem, das auf Daueralarm gestellt blieb. Und eine Krise trifft eben auch den Körper – den Schlaf, die Kraft, den Magen.

Immer dasselbe Stück, andere Bühne. Der Kopf hat’s verstanden – und der Körper hält an seinem alten Programm fest, weil es ihm einmal das Überleben gesichert hat. Ein Schutzsystem, das seine Arbeit zu gut macht.

Was meinst du, wie ist es bei dir? Welches deiner Themen kennst du längst in- und auswendig – und trotzdem bewegt es sich nicht?

Wie sich der Knoten löst

Wie kommt dann Bewegung hinein? Peter Levine, der Begründer des Somatic Experiencing, arbeitet konsequent von unten nach oben: erst das Spüren, dann die Empfindung, dann die Bedeutung. Dem Körper zuhören, bis er nachgibt, statt ihn mit dem Kopf zu überreden. Ein verwandter Ansatz, NARM (das Neuroaffektive Beziehungsmodell von Laurence Heller), nimmt die biografische Geschichte und die körperliche Gegenwart zusammen.

In der Praxis sieht das oft unspektakulär aus. Eine Klientin, Mitte sechzig, sehr kopflastig, kam mit unsortierten Gedanken, viel Verstand, aber wenig Zugang zum Spüren, – sagte sie von sich selbst. Wir haben gemeinsam herausgefiltert, worum es ihr eigentlich geht. Und dann kam der Impuls, immer wieder in den Körper hineinzuspüren, auf die Signale zu achten, kleine Körperübungen dazu. Hinterher schrieb sie:

»… und auf einmal tanzte ich im Raum und fühlte mich gleich besser, leichter und freier.«

Für einen Kopfmenschen ist das oft der überraschendste Moment überhaupt. Nicht ein neuer Gedanke ließ es klicken, sondern eine konkrete Aktion.

Ungefähr so sieht »der Mensch als Ganzes« in der Praxis aus. Es bedeutet nicht, das Denken abzuschaffen – Klarheit und Verstehen bleiben wichtig. Es heißt, den Körper mit ins Boot zu holen: mit dem Atem zu arbeiten, mit Anspannung und Lösung, mit dem, was sich zeigt, wenn man dem Spüren Raum gibt. Manchmal im Gespräch, manchmal über Klopfakupressur, manchmal über tiefere Körperarbeit. Was passt, schauen wir gemeinsam an.

Den größten Einfluss auf dein Leben hast du selbst. Ich halte den Raum, ich bringe das Handwerk und einen klaren Blick mit.

Kopf an Körper: Gesprächsbedarf?

Dann lass uns ins Gespräch kommen. In einem kostenfreien telefonischen Kennenlernen schauen wir, was dich gerade beschäftigt. Einfach ein erster Schritt – und der ist, wie so oft, der schwerste und der wichtigste zugleich.

Quellen und Hintergrund

  • Wilhelm Reich, Charakteranalyse (1933) – zur körperlichen Verankerung seelischer Abwehr (»Charakterpanzer«). Historisch grundlegend, in Teilen wissenschaftlich umstritten.

  • Stephen W. Porges, The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-Regulation (2011) – zu Nervensystem-Zuständen und Neurozeption. Klinisch einflussreich, in Teilen in der Forschung diskutiert.

  • Bessel van der Kolk, The Body Keeps the Score: Brain, Mind, and Body in the Healing of Trauma (2014) – zur Speicherung belastender Erfahrungen im Körper und zum »speechless terror«.

  • Peter A. Levine, Waking the Tiger: Healing Trauma (1997) – Grundlagen des Somatic Experiencing (bottom-up). Vielversprechende, noch begrenzte Evidenzlage bei PTBS.

  • Laurence Heller & Aline LaPierre, Healing Developmental Trauma: How Early Trauma Affects Self-Regulation, Self-Image, and the Capacity for Relationship (2012) – zum Neuroaffektiven Beziehungsmodell (NARM).

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