Gute Vorsätze und innere Sabotage

Über Gewohnheiten, innere Schutzmuster und nachhaltige Veränderung

Alter Alltag – neues Ich?

Jeder Anfang hat so etwas Zauberhaftes. Hermann Hesse hat es in seinem Gedicht »Stufen« eindrücklich in Worte gefasst.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

aus: Stufen. Hermann Hesse

Übergänge motivieren viele Menschen, sich auf Vordermann zu bringen.

Doch kaum sind wir freudig gestartet, kommt alsbald unbemerkt dieser Alltag daher. Es gibt Wichtigeres. Und das urgemütliche Sofa am Abend eines viel zu langen Tages. Leicht geknickt müssen wir zugeben: Wir wohnen immer noch ganz im alten Ich.

Der Wunsch nach Veränderung ist zutiefst menschlich. Das Bewusstsein über uns selbst bringt es mit sich, dass wir uns weiter entwickeln wollen. Dazu gibt es in allen Kulturen Rituale des Übergangs und Neubeginns. Und trotzdem klappt es so oft nicht mit der herbeigesehnten Selbstoptimierung. Warum eigentlich?

Ein Blick in die Schaltzentrale unserer Gewohnheiten

Die erste Runde auf dem Fahrrad ist wacklig und aufregend, irgendwann läuft’s, man ist entspannt unterwegs, auf Autopilot. Genau so entstehen Gewohnheiten. Sie sind automatisierte Energiesparprogramme. Sinnvoll wie entlastend. Und deshalb funken sie dazwischen, wenn wir etwas verändern wollen.

Der Boss im Oberstübchen

Wir haben einen Willen und denken, so läuft das jetzt. Wer sich schon etwas länger kennt, ahnt allerdings: In der Schaltzentrale sitzt noch wer, der gelegentlich dazwischen funkt. Unser Stammhirn, der Boss von vor Urzeiten. Es ist unser eingebautes Survival-Kit: zuverlässig kümmert es sich um Sicherheit, Grundbedürfnisse und darum, dass wir nicht unnötig vom Bewährtem abweichen.

Der Gegenspieler bei Veränderung: Angst

Gefühle und Beziehungen werden dort verarbeitet, wo auch die Angst sitzt: im Limbischen System. Kein Zufall.

Lernen gelingt am besten, wenn etwas emotional bedeutsam ist – idealerweise positiv.

Unsere Pläne dagegen entstehen im vorderen Teil des Gehirns, dort wird gedacht, werden Vorsätze verfasst. Meistens kooperieren die Gehirnareale. Sobald sich Veränderung jedoch nach Risiko anfühlt, macht das Stammhirn seinen Job, sein automatisierter Schutzmechanismus greift. Schließlich ist es für Sicherheit zuständig. Im Zweifel laufen lieber die alten Muster weiter. Evolutionär sinnvoll, für eine Neujahrs-Challenge nicht so.

Spielraum statt Alarm

Und doch haben wir Spielraum. Wir können aus einer vermeintlichen Bedrohung für das Stammhirn eine attraktive Sache zu machen, indem wir mit Belohnung arbeiten. Gehen wir in kleinen Schritten vor, springt das Alarmsystem nicht sofort an.

Aber damit ist es vielleicht nicht getan. Veränderung bedeutet nicht nur ein anderes Selbst, sondern auch das Aufgeben alter Anteile. Und das kann – oft unbemerkt – stark verunsichern.

Was treibt dich wirklich an?

Bevor es um das große »Alles Neu« geht, lohnt sich ein Blick dahinter. Manche Wünsche nach Veränderung sind weniger Ziel als Sehnsucht. Sie stehen für etwas ganz anderes. Worum geht es es eigentlich? Um Gesundheit? Anerkennung? Zugehörigkeit?

Vision und Wirklichkeit

Stell dir vor, was es tatsächlich bedeuten würde, diesen Vorsatz umzusetzen. Lass die Quälerei vor deinem geistigen Auge sich entfalten, die Hindernisse, die Rückschritte, die Tage, an denen nix geht. Willst du da durch? Ist es dir das wert?

Manchmal zeigt sich, dass etwas anderes gerade wichtiger ist. Oder der Zeitpunkt nicht stimmt. Dann ist Veränderung was für später. Sich so annehmen, wie man ist, macht es leichter. Und von hier aus geht’s los. Oder bewusst erst mal nicht.

Neues Energieniveau
oder alte Glaubenssätze

Wer sich etwas Neues vornimmt, aktiviert automatisch Prozesse im Körper: Hormone, Energieflüsse, Herzfrequenz, Nervensystem – alles verschiebt sich.

Dieses neue Energielevel ist zunächst ungewohnt, bisweilen sogar unangenehm. Unser Körper spürt: Etwas ist anders. Dadurch werden unbewusste Überzeugungen wie »Ich schaffe das sowieso nicht« oder »Es ist riskant, mich zu zeigen« oder »So, wie ich bin ich nicht genug«. Diese Glaubenssätze haben uns bisher geschützt. In Momenten der Verunsicherung aber werden sie zur Hürde.

Die Stolpersteine:
Stress, Schutzmuster und innere Blockaden

Die üblichen Methoden zur Verhaltensänderung funktionieren nur, wenn unser System mitspielt – emotional stabil, sicher und bereit für Neues. Unter Stress kippt das schnell. Angst, Scham oder innere Zerrissenheit verengen den Handlungsspielraum auf alte Muster. Der Schutzmechanismus springt an. Der Veränderungswille ist gelähmt.

Veränderung fühlt sich selten gut an, eher fremd oder ungewohnt. Körperliche Reaktionen, ein verändertes Energieniveau, hormonelle Anpassungen: all das kann irritieren und leicht fehlgedeutet werden, als Zeichen das etwas nicht stimme.

Hinzu kommen früh gelernte Schutzmuster. Damit verbundene frühe Prägungen und unbewusste Glaubenssätze  können die eigenen Vorsätze  sabotieren. Nicht um uns zu sabotieren, sondern um uns zu bewahren. In solchen Momenten melden sich oft vertraute Gedanken.

Typische innere Stimmen bei Veränderung:

  • Ich muss volle Performance liefern.

  • Wenn ich nicht alles im Griff habe, bin ich komplett frustriert.

  • Vermutlich krieg ich’s eh nicht hin, dann kann ich es auch gleich lassen.

  • Bevor ich mich blamiere, lasse ich es lieber.

  • So wichtig bin ich auch wieder nicht.

  • Reiß dich zusammen.

  • Ich halte das schon aus.

  • Jetzt ist wirklich kein guter Zeitpunkt. (Ehrlich gesagt, passt es nie.)

  • Erst wenn es mir besser geht, fange ich an.

  • Das sollte ich ja wohl alleine schaffen.

Diese Gedanken haben einmal Sinn ergeben. Sie sind Versuche, mit Unsicherheit umzugehen. Manche begleiten uns schon sehr lange. Ihnen bewusst zuzuhören, kann ein erster Schritt sein.

Wenn Denken nichts mehr bringt

Wenn der Kopf nicht weiterkommt, kann der Körper als Kompass dienen. In der therapeutischen Arbeit zeigt sich oft genau hier ein neuer Zugang. Was signalisiert dein Körper, bevor der innere Kritiker zu Wort kommt? Statt immer wieder gegen dieselben inneren Widerstände anzukämpfen, lohnt es sich hinzuschauen. Was treibt uns an, was hält uns zurück? Von hier aus wird Entwicklung leichter.


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